Dienstag, 17. Januar 2012

Männer-EM: Die deutsche Krankheit gegen offensive Abwehrsysteme?

Deutschland verliert seine EM-Auftaktpartie gegen Tschechien mit 24:27. In der Kritik stand vor allem die deutsche Angriffsleistung der ersten Halbzeit gegen die offensive 3:2:1-Abwehr der Tschechen. Wieder einmal war die Rede von "der deutschen Krankheit" gegen offensive Abwehrsysteme. Hält diese Kritik aber auch einem genaueren Blick auf diese erste Halbzeit stand.

Die 3:2:1-Abwehr von Tschechien mit Filip Jicha auf VM.


Hierzu die Statistiken aus meiner Videoanalyse. Anzahl  der deutschen Angriffe gegen die 3:2:1-Abwehr (inklusive Tempospiel, ohne Unterzahl- oder Überzahlangriffe): 20

Diese 20 Angriffe resultierten in:
Tore: 7
Fehlwürfe aus 100%-Chancen: 5
sonstige Fehlwürfe: 3
technische Fehler: 4
geblockte Würfe: 1

Branchenprimus Frankreich hatte über die gesamte letzte Weltmeisterschaft eine Angriffseffektivität von 53%. Für Deutschland wäre gegen die 3:2:1-Abwehr der Tschechen bei Nutzung der 100%-Chancen mit Leichtigkeit eine Angriffseffektivität von 50% möglich gewesen. Verworfene 100%-Chancen können wohl kaum der gegnerischen Abwehrtaktik zugeschrieben werden. Zudem entstanden von den 4 technischen Fehlern 2 Fehler ohne wirklichen Einfluss der gegnerischen Abwehr.


Fazit: Krank? Ja, aber in anderen Bereichen. Deutschland scheiterte im Angriff in der ersten Halbzeit vor allem an einer schlechten Chancenverwertung bzw. guten Torwartleistung von Stochl. Die gegnerische 3:2:1-Abwehrtaktik spielte dabei eine untergeordnete Rolle und war auf keinen Fall entscheidend.

Die Zahlen beiseite geschoben, war für meinen Geschmack in der ersten Halbzeit auch ein klares taktisches Angriffskonzept gegen die 3:2:1-Abwehr zu sehen. Als passende Auslösehandlungen wurde immer wieder "Kreis holen", "leeres Kreuzen von RL mit RM" oder der "Übergang von RM" gespielt. Leider zeigten Hens und Glandorf in der Partie ein äußerst schlechtes Entscheidungsverhalten auf den Halbpositionen.

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